HERBERT ASBECK    
      

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LAMBIS DER GEIGER

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Auszug aus:

„CORRIDA“ - „Ein Andalusien-Roman“

 

   

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1.

Don Enrique tritt ans Fenster seines Büros und blickt auf die Uhr. Längst müsste Manuela mit den Männern zurück sein.

Selbst auf Viento, dem alten Hengst, sind es von der Dehesa nur knappe zehn Reitminuten.

Er greift zum Telefon und tippt eine Nummer.


„Juan, was ist? Seid ihr vom Pferd gefallen?“
„No, Patrón. Aber wir haben das Tier.“
„Und?“
„Ich warte auf Jorje. Wir brauchen den Wagen.“
„Gut, aber beeilt euch!“
„Claro, Patrón, bis gleich.“
‚Ein Glück, dass Isabel das nicht jeden Tag mitbekommt’, denkt Don Enrique.

Doch spätestens heute Abend wird sie anrufen und fragen, wie es ihm und vor allem Manuela auf dem Cortijo ergangen sei.

Und ihre Stimme klingt wieder besorgt, wenn sie hört, dass Manuela die meiste Zeit bei den Tieren war. ‚Manuela muss lernen!’  ‚Aber das tut sie doch’, wird er antworten.

Manuela ist die einzige Tochter und der Stolz ihres Vaters.

Nicht, dass Don Enrique den beiden Söhnen weniger zugetan wäre.

Doch mit Leandro, dem Ältesten, der einmal sein Nachfolger werden soll, gab es oft heftigen Streit. Meist ging es dabei um die Zukunft des Anwesens.

Aus Trotz war er nach dem Wehrdienst freiwillig beim Militär geblieben.

Seither jagt er als Kampfpilot in einem dieser rasenden Flugzeuge vermeintliche Feinde und übt hoch über seinem Kopf die Technik des Kriegsspiels.

Bei Rafael, dem Jüngeren, zeigte sich früh ein empfindsames Gehör für Töne und Klänge.

Auch ließ sein feingliedriger Wuchs bald erkennen, dass er für ein Landleben nicht geschaffen war. Und so lebt er mit seiner Mutter die meiste Zeit in Sevilla.

Dort führt Doña Isabel ein offenes Haus und pflegt als Botschafterin der Familie den Kontakt zur Gesellschaft der Stadt.


1


Don Enrique sieht, wie sich Reiter hinter der Hecke nähern.

Ihre Köpfe tanzen im Rhythmus des fliegenden Pferdegalopps.

Und weiter zurück zeigt ihm die Staubfahne, dass ihnen der Wagen folgt.
„Da seid ihr endlich!“, ruft er dem Mayoral entgegen.
Schon Juans Vater war hier auf Torocolinas Chef der Vaqueros.
„Wo ist Manuela?“, fragt Don Enrique, als er ihr Pferd ohne die Reiterin sieht.
„Hinten auf dem Wagen, Patrón.“
Gerade steigt Jorje aus dem Fahrerhaus und öffnet die Ladeklappe. Auf dem Boden kauert Manuela und hält den Kopf eines zitternden Kalbs.
„Papá, sag, dass es nicht wahr ist!

Juan meint, das Kleine müsse jetzt sterben.

Es kommt nicht in den Schlachthof?!

Versprichst du mir das?“
Don Enrique sieht zu den Männern hinüber.

Doch jeder blickt in eine andere Richtung.
„Was ist mit der Kuh?“, will Don Enrique wissen.
„Alles in Ordnung, Patrón.

Sie ist noch schwach auf den Beinen, steht aber schon wieder in ihrer Herde.“
„Habt ihr’s versucht?“, fragt Don Enrique und zeigt auf das Kalb.
Der Mayoral zuckt die Achseln.
„Nichts zu machen.
Die Alte nimmt ihr Junges nicht an.“
„Aber warum nicht, Papá?“, schluchzt Manuela.
„Das gibt es. Bei Menschen und Tieren.“
„Ich bin mir ganz sicher: Er wird einmal ein großer, tapferer Stier!“
„Ist es wirklich ein ...?“
„Sí, es un macho.

Ja, ein Stier“, antwortet der Mayoral.

„Aber einer wie der taugt nicht für die Corrida.

Ein ‚Toro Bravo’ braucht ein Muttertier mit Charakter. Und die andern ...“
Das wissen hier alle auf dem Cortijo.

Jedes der Jungtiere muss seinen Platz in der Herde finden und lernen sich zu behaupten. Bis dann der Mensch eingreift.

„Papá, der kleine Stier darf nicht sterben!“, fleht Manuela und streicht über den Kopf


2


des verängstigten Tiers. „Ich verspreche dir, ich werde ...“
„Sagt Pilar, sie soll Milch warm machen!“, befiehlt Don Enrique.

„Und seht zu, dass ihr auf Torocolinas eine Babyflasche auftreibt!“
„Sí, Patrón.“
Der Mayoral winkt die Vaqueros heran.
„Versorgt die Pferde und reibt dann das Tier gründlich ab!“
Er selbst geht zu seinem Haus hinüber.

Direkt neben den Pferdeställen lebt er mit seiner Familie.
„Pilar! Pilar!“, ruft Manuela.
Bald darauf erscheint eine Frau in der Tür.
„¿Qué pasa? Was ist?“
„Wir brauchen warme Milch für den kleinen Stier.

Aber beeil dich!“
Die Frau im Türrahmen versteht.

Eilig geht sie ins Innere zurück.

Pilar hat in der Küche das Sagen.

Und für die Leute auf dem Cortijo ist sie die gute Seele des Hauses.

Sie hat Manuela als Kleinkind gefüttert und ihr kühle Wickel auf die glühende Haut gelegt, wenn sie Fieber hatte.
„Schade, dass Pilar ohne Mann ist,“ hatte Don Enrique gesagt.

„Sie wäre eine sehr gute Mutter.“
Doch Pilar hat ein Gebrechen, das die Männer verlegen zur Seite sehen lässt, wenn sie einen längeren Blick in deren Augen wagt.

Sie hinkt.

Wie oft hat sie vor dem Bild der Jungfrau eine Kerze entzündet und um Fürbitte beim alle Welt heilenden Sohn gefleht und dann lange ihr zu kurz geratenes Bein betrachtet, ob der nicht ein Einsehen hätte und das fehlende Stück zwischen Enkel und Wade nachwachsen ließe.

Doch das Wunder blieb aus.

Obwohl sich der Himmel ihrem sehnlichen Wunsch versagt, den an ihr unvollendet gebliebenen Schöpfungsakt zu einem guten Ende zu führen, liegt fast alle Tage ein mildes Lächeln auf ihrem Gesicht.

Einzig die Stellung der Mundwinkel zeigt gelegentlich den Wandel ihrer Stimmungen an.

Doch die Proportionen ihres Körpers gerieten mit der Zeit durch ihren humpelnden Gang aus der Balance.

Einmal konnte Manuela beobachten, wie Pilar sich im Spiegel betrachtete und dabei weinte.

Sie stand auf ihrem normal gewachsenen Bein und rückte die Höhe ihrer Schultern so lange zurecht, bis beide in einer Ebene lagen.

 

 

 

© 2012 Herbert Asbeck / Fotografie: be-him / Webdesign Jürgen Asbeck